Leseprobe Jabando Band 1 Tom und Jojo

Kapitel 1

 

 

 

„Entschuldigen Sie!“ Der Junge lief hinter dem alten Mann her, der langsam auf einen Stock gestützt den Gehweg entlang ging.

 

„Entschuldigung! Hallo!“ Der Mann reagierte nicht. Wahrscheinlich war er schwerhörig. Der Junge bückte sich und hob das kleine Paket auf, das dem Mann aus der Tasche gefallen war. Es hatte ungefähr die Größe einer CD, nur etwas dicker.

 

‚Könnte ein Nintendo-Spiel sein‘, dachte der Junge und grinste. Er konnte sich nicht vorstellen, dass so ein alter Mann Nintendo spielte. Als er sich umschaute, war der Mann verschwunden. Der Junge drehte sich einmal um sich selbst und lief dann weiter die Straße hinunter. Doch den Mann konnte er weit und breit nirgends entdecken. Der konnte sich doch nicht in Luft auflösen! Nachdenklich schaute der Junge auf das Paket. Was sollte er jetzt tun? Es einfach behalten? Noch einmal schaute er sich suchend um, bis sein Blick auf das Schaufenster fiel, vor dem er stand. Es gehörte zu einem kleinen Laden, der mehr wie ein unordentlicher Dachboden aussah als wie ein Geschäft. Alles mögliche Gerümpel war kreuz und quer in das Schaufenster gestapelt und nichts davon sah neu aus. Der Junge drückte seine Nase an die Scheibe und versuchte, im Laden etwas zu erkennen. Vielleicht war der alte Mann ja hier herein gegangen? Kurz entschlossen öffnete der Junge die Ladentür. Über seinem Kopf bimmelte ein Glöckchen und tatsächlich: Der alte Mann kam aus einer Tür hinter der Ladentheke.

 

Er hatte kurze, weiße Haare und einen ebenso kurzen weißen Bart. Sein Gesicht war rund und hatte viele Lachfältchen. Die Augen hinter den kleinen runden Brillengläsern waren dunkel und wirkten gar nicht alt, sondern wach und neugierig.

 

„Guten Tag, mein Junge. Wie kann ich dir behilflich sein?“ fragte der Mann und lächelte freundlich. Der Junge legte das Paket auf die Theke.

 

„Das haben Sie eben verloren“, sagte er schüchtern.

 

„Ah“, sagte der Mann langsam und betrachtet das Paket nachdenklich. „Wie heißt du, mein Junge?“ fragte er dann.

 

„Tom.“

 

„Aha. Nun Tom, du bist ein wirklich ehrlicher Bursche, das finde ich höchst anständig von dir. Sag mir, Tom, hast du auch eins von diesen neumodischen Spielgeräten?“

 

„Was meinen Sie?“

 

„Ich meine diese Spielgeräte, mit denen heute alle rumlaufen. Wie heißen die noch? Irgendwas Japanisches…“ Der alte Mann kratzte sich am Kopf und zog die Stirn kraus. „Nindodo?“

 

Tom fing an zu lachen.

 

„Sie meinen Nintendo“, sagte er. Das Gesicht des Mannes hellte sich auf.

 

„Ja! Das war es. Nintendo. Hast du sowas?“

 

„Klar, ich hab sogar den neuen Nintendo 3DS, den hab ich zum Geburtstag bekommen! Der ist so cool!“ Tom hatte seine anfängliche Schüchternheit ganz vergessen.

 

„Nun, wenn das so ist, dann hast du für dieses Paket hier sicherlich mehr Verwendung als ich.“ Mit einem wohlwollenden Lächeln schob der Mann das Päckchen auf der Theke wieder zu Tom hin. Seine Augen wurden rund vor Verwunderung.

 

„Meinen Sie das ernst?“ fragte er überrascht. Dann war seine Vermutung also doch richtig gewesen. Es war ein Nintendo-Spiel!

 

„Ja, ich meine das ernst, Tom. Bitte, du darfst das Spiel mit nach Hause nehmen. Und wenn du Fragen dazu hast, komm einfach wieder zu mir. Einverstanden?“ Tom zögerte einen Moment. Durfte er das einfach so annehmen? Ihm fiel kein vernünftiger Grund ein, warum er das nicht tun sollte. Schnell schnappte er sich das Paket von der Ladentheke und war schon an der Tür.

 

„Vielen Dank!“ rief er über die Schulter und sauste nach Hause. Seine Mutter würde sich schon wundern, wo er so lange blieb. Ob Jojo schon zu Hause war? Jojo war sein kleiner Bruder, aber der kam immer etwas später von der Schule als er, weil die Grundschule weiter entfernt lag und er mit dem Bus fahren musste. Tom musste ihm unbedingt von dem neuen Spiel und dem alten Mann erzählen.

 

Tom hieß eigentlich Thomas und war 12 Jahre alt. Sein Bruder Johann war 9 und er hatte ihn richtig gern – jetzt wo er langsam vernünftig wurde und nicht immer nur irgendwelchen Babykram spielen wollte. Seine Mutter maulte zwar ständig rum, dass sie zu viel Krach machen würden, aber das interessierte die beiden nicht. Sie hatten einfach viel zu viel Spaß zusammen, um leise zu sein.

 

Als Tom klingelte, ging die Tür fast sofort auf. Automatisch holte er tief Luft.

 

„Gibt es Nudeln zu Mittag?“ fragte er und schob sich an seiner Mutter vorbei.

 

„Guten Tag, Tom. Wie geht es dir? Schön, dich zu sehen. Wo hast du gesteckt?“

 

Tom rollte die Augen und warf seinen Schulranzen in die Ecke des Flurs. Die Ironie im Tonfall seiner Mutter war nicht zu überhören.

 

„Ich habe eine gute Tat getan“, sagte er, um weitere schnippische Bemerkungen zu vermeiden.

 

„Wirklich?“ Seine Mutter schien überrascht.

 

„Ja, da war ein alter Mann, der hat etwas verloren und ich habe es ihm gebracht.“

 

„Und warum hat das so lange gedauert?“

 

„Hach, Mama, so lange war das doch gar nicht. Er wollte halt noch etwas mit mir reden, sich bedanken und so. Gibt es jetzt Nudeln oder nicht?“ Tom ging in die Küche und guckte in den Topf. Seine Nase hatte ihn nicht getäuscht. Eine große Portion Spaghetti blubberte im kochenden Wasser.

 

„Was war das denn für ein Mann? Du bist doch nicht mit ihm irgendwo hin gegangen, oder?“

 

„Nein, Mama. Das ist der Mann von dem Krimskrams-Laden auf der Hauptstraße.“

 

„Ach du liebe Güte, der schrullige Alte…“ sagte seine Mutter leise. Vermutlich sollte Tom das gar nicht hören, aber dafür war es nicht leise genug gewesen. Es klingelte.

 

„Geh und mach deinem Bruder auf!“ rief seine Mutter und wandte sich wieder dem Herd zu. Tom rannte schnell zur Tür und riss sie auf.

 

„Hey, Jojo, weißt du was?“ rief er, bevor Jojo überhaupt einen Fuß in den Flur setzen konnte. Die Aufregung seines Bruders sprang sofort auf ihn über.

 

„Was ist los?“ fragte er und warf nicht nur seinen Ranzen, sondern auch seine Jacke und die Schuhe mitten in den Flur. Die Tür warf er mit einem lauten Krachen zu und folgte Tom sofort in ihr Spielzimmer. Früher hatten sie jeder ein eigenes Zimmer gehabt, aber seit einem halben Jahr hatten sie sich entschieden, zusammen in einem Zimmer zu schlafen und das andere Zimmer nur zum Spielen zu nutzen. Ihre Eltern waren anfangs ziemlich skeptisch gewesen, ob sie dann überhaupt schlafen würden, aber nach langem Flehen und Betteln hatten sie endlich eingewilligt. Es war viel schöner, nachts nicht allein im Zimmer zu sein.

 

„Hier, sieh mal, was ich bekommen habe!“ Tom zeigte Jojo das Paket.

 

„Woher hast du das?“ fragte der neugierig und riss es ihm sofort aus der Hand. Ohne auf eine Antwort zu warten, fragte er direkt weiter „Ist das ein Spiel? Mach’s doch auf!“

 

Das ließ Tom sich nicht zweimal sagen. Er riss das braune Packpapier von dem Päckchen ab und hielt eine weiße Plastikhülle in Händen.

 

„Hä? Da steht ja gar nichts drauf.“ Tom zuckte nur mit den Schultern und öffnete die Hülle. Ein kleines, graues Nintendo-Spiel war in die Halterung geklemmt; aber auch auf dem Spiel stand nichts. Kein Bild, keine Beschreibung, einfach nichts.

 

„Seltsam…“ murmelte Tom und schnappte sich seinen Nintendo von der Fensterbank, wo er zum Aufladen gelegen hatte. Er steckte das Spiel ein und drückte auf Start. Wie gewohnt dauerte es einen Moment, bis das Spiel geladen war, doch als die Lade-Anzeige verschwand war der Bildschirm leer. Tom schob die Unterlippe vor.

 

„Sowas Blödes!“ schimpfte er und drückte auf einige Tasten. Nichts geschah. „Ach Manno, der Typ hat mich doch veräppelt.“ Enttäuscht legte er den Nintendo wieder auf die Fensterbank. Jojo sah ihn fragend an.

 

„Welcher Typ denn?“

 

„Ach, da war ein alter Mann, der hat das Spiel auf der Straße verloren. Als ich es ihm wiedergegeben habe, hat er es mir geschenkt. Jetzt weiß ich auch, wieso. Es geht gar nicht. Das kann er wieder haben.“

 

 

 

Als die Jungen mit ihren Hausaufgaben fertig waren, baten sie um Erlaubnis draußen spielen zu dürfen. Ohne zu zögern packte Tom das Spiel in die Tasche und die beiden marschierten zu dem Trödelladen.

 

„Denkst du, er will das Spiel wirklich wieder haben?“ fragte Jojo. Tom zuckte nur mit den Schultern. Die Frage war für ihn unwichtig. Entschlossen drückte er die Tür auf und ging in den Laden. Trotz des Bimmelns war der alte Mann nirgends zu sehen.

 

„Hallo?“ rief Tom. „Ist hier jemand?“

 

„Komme schon!“ hörte man eine raue Stimme von hinten. Kurze Zeit später erschien der Mann schnaufend hinter der Theke.

 

„Ach, du bist es, Tom. Entschuldige, ich war im Keller und die Treppen machen mir immer etwas Mühe.“ Er zog ein riesiges, rotkariertes Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich damit die Stirn. Auch sein Hemd war rotkariert und seine Hose wurde von Hosenträgern gehalten.

 

Tom legte das Spiel in der weißen Hülle auf die Theke.

 

„Das funktioniert nicht“, sagte er entschieden, versuchte aber doch, einigermaßen höflich zu klingen. Der alte Mann nickte nachdenklich, erwiderte aber nichts. Stattdessen legte er den Kopf schief, um Jojo besser sehen zu können, der sich ein wenig hinter seinem Bruder versteckte.

 

„Und wer bist du?“ fragte er interessiert. Jojo verließ seine Deckung und stellte sich neben Tom.

 

„Ich bin sein Bruder Jojo“, sagte er, während er mit dem Finger auf Tom zeigte. „Und wer sind Sie?“

 

Tom sah seinen Bruder überrascht an. Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, den Mann nach seinem Namen zu fragen.

 

„Ich bin Herr Munkel“, sagte der Mann mit einem fröhlichen Lächeln. Er streckte die Hand über die Theke. „Sehr erfreut.“

 

Jojo zuckte mit den Schultern und schüttelte die Hand einmal kräftig.

 

„Möchtet ihr beiden vielleicht ein Bonbon?“ fragte Herr Munkel und vergrub seine Hand in der Hosentasche. Als er sie wieder herauszog, lagen zwei Sahnebonbons in seiner Handfläche. Bevor Tom höflich ablehnen konnte, hatte Jojo schon zugegriffen. Tom war etwas hin- und hergerissen, weil seine Mutter immer sagte, sie sollten nichts von Fremden annehmen. Naja, aber er hatte ja auch schon das Spiel angenommen, also war es sowieso schon zu spät. Er nahm das zweite Bonbon und bedankte sich. Herr Munkel nickte zufrieden und nahm dann endlich das Spiel in die Hand.

 

„So, du sagst also es geht nicht, ja?“ fragte er und drehte das Spiel in seinen Händen. Tom schob das Bonbon in die Wange, um Antworten zu können.

 

„Ja, ich hab’s ausprobiert. Erst lädt es, aber dann ist nichts zu sehen. Egal, was man macht, es passiert gar nichts.“ Die Enttäuschung war deutlich in seiner Stimme zu hören. „Was ist das überhaupt für ein Spiel? Es steht ja gar nichts auf der Verpackung.“

 

Herr Munkel tat, als hätte er die Frage nicht gehört.

 

„Hast du deinen Nindodo dabei?“ fragte er stattdessen und Jojo prustete los.

 

„Das heißt Nintendo!“ rief er, wobei ihm sein Bonbon aus dem Mund flutschte. Im letzten Moment fing er es auf und steckte es wieder in den Mund. Tom rollte die Augen und stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

 

„Was denn?“ fragte Jojo empört. „Stimmt doch.“ Er schmollte. Er konnte es nicht leiden, wenn sein Bruder sich wie seine Mutter benahm und ihn maßregelte. Zu seiner großen Überraschung zog Tom tatsächlich seinen Nintendo aus der Tasche. Das war eigentlich verboten. Tom musste ihn irgendwie an seiner Mutter vorbei nach draußen geschmuggelt haben.

 

„Ah, ja, sehr gut“, sagte Herr Munkel. „Dann wollen wir doch mal sehen.“ Er schob das Spiel in den Schlitz, aber Tom nahm es sofort wieder heraus.

 

„Falsch rum“, murmelte er und legte es richtig herum ein. Herrn Munkel schien das nicht zu stören.

 

„Gut, sehr gut. Das hat doch ein Mikrofon, nicht wahr? Hat es ein Mikrofon?“

 

Tom und Jojo sahen sich an. Ein Mikrofon? Seit wann brauchte man denn für ein Spiel ein Mikrofon? Hoffentlich war es nicht irgend so ein albernes Karaoke Singspiel.

 

„Jaaa, es hat ein Mikrofon…“ sagte Tom gedehnt.

 

„Sehr gut“, sagte Herr Munkel entzückt und hob den Zeigefinger. Er hielt den Zeigefinger so lange in der Luft, bis das Spiel fertig geladen hatte. Dann nickte er einmal und sagte langsam und deutlich: „Es werde Licht.“

 

Beide Jungen sahen ihn einen Moment lang verständnislos an, doch dann bemerkten sie, dass der Bildschirm sich aufgehellt hatte. Während Tom noch zwischen Herrn Munkels zufriedenem Grinsen und dem Bildschirm hin und her schaute, hing Jojo schon mit der Nase über dem Nintendo.

 

„Wie cool!“ rief er und sagte dann: „Es werde ein Rennauto!“ Auf dem Bildschirm erschienen die Umrisse eines Rennwagens, der zum Teil durch einen weißen Schriftzug verdeckt wurde.

 

 

 

Welche Farbe?

 

 

 

stand dort.

 

„Rot!“ brüllte Jojo aufgeregt und alle drei beobachteten nun, wie ein roter Formel 1 Ferrari auf dem Bildschirm Gestalt annahm. Tom wusste gar nicht, was er sagen sollte. Etwas so Verrücktes hatte er noch nie gesehen. Jojos Ohren begannen vor Begeisterung zu glühen.

 

„Es werde eine Rennstrecke mit tollen Kurven und Schikanen und einem Tunnel!“ rief er.

 

„Schrei doch nicht so“, sagte Tom etwas beleidigt. Es war ihm nicht recht, dass sein Bruder das Spiel jetzt so an sich riss. Andererseits war er zu fasziniert, um einzugreifen. Tatsächlich war auf dem Bildschirm jetzt eine Rennstrecke zu sehen. Jojo probierte ein wenig mit der Steuerung herum und dann gelang es ihm tatsächlich, den Ferrari auf die Strecke zu schicken.

 

Tom sah ihm einen Moment über die Schulter, dann sagte er trotzig: „Es werde ein Tyrannosaurus Rex.“ Der Dinosaurier erschien augenblicklich mitten in der Rennstrecke. Er sah so furchterregend aus, dass Jojo einen Schrei ausstieß und den Nintendo auf die Theke warf. Tom fing an zu lachen.

 

„Ha, du Angsthase! Glaubst du der beißt dich?“ höhnte er. Jojo schmollte und nahm den Nintendo wieder in die Hand.

 

„Oh, Alter! Dein blöder Dino ist auf mein Rennauto gelatscht!“

 

„Zeig her!“ Tom schnappte sich den Nintendo und schaute auf den Bildschirm. Tatsächlich, der Ferrari war platt und der Dinosaurier wanderte die Rennstrecke entlang. Tom konnte sich kaum halten vor Lachen. Jojo verschränkte die Arme und guckte böse.

 

„Das ist überhaupt nicht lustig.“

 

Bevor die beiden ernsthaft in Streit geraten konnten, nahm Herr Munkel das Gerät an sich.

 

„Mit diesem Spiel muss man wohl etwas bedächtiger umgehen“, sagte er vorsichtig und lächelte beschwichtigend. „Noch mal von vorn“, sagte er dann und der Bildschirm wurde wieder dunkel und leer. Beide Jungen sahen ihn verwundert an.

 

„Es werde Licht“, sagte er wieder und gab den Nintendo an Tom zurück. „Hier. Überlegt gut, was ihr sagt, denn Worte sind mächtiger als man oft meint. Wer seine Zunge beherrscht, der kann auch seinen ganzen Körper beherrschen. Oder dieses Spiel.“ Er lächelte beide Jungen an. „Und nun viel Spaß damit. Offensichtlich funktioniert es ja doch.“